Mondhochzeit

Manche Geschichten wollen einfach geschrieben werden, ausgegebenem Anlass besuchen wir wieder den Mondmann – viel Spaß!

 

Mondhochzeit

Es war einmal, als ich noch ein Junge war, eine jener Nächte, in denen sich ein Stück der Wand meines Schlafzimmers wie eine Tür öffnete. Wenn dann das Licht des Mondes von außen durch diese Tür fiel, dann erwachte mein kleines Kuschelschäfchen neben mir zum Leben. Hand in Hand schritten wir hinaus auf die Straße, die sich silbern glitzernd zum Mond hinaufwand – die Traumstraße. Die Reise war mir und meinem Schäfchen schon so vertraut, dass wir uns nicht wunderten, als uns auf halben Wege ein gemütliches Bettchen entgegen rollte und einladend stehen blieb. Zwischen den flauschigen Kissen, unter der warmen Decke ist die Fahrt zum Mond erstaunlich gemütlich.
In dieser Nacht besuchten Schäfchen und ich nicht die Insel im Mondteich, mit ihrem Vogelbaum, und auch nicht die kleine Meerjungfrau, die dort wohnte. Nein, in dieser Nacht rollte das Bettchen zu einem ganz besonderen Garten. Er war umgeben von einem Zaun, der aus Brettern zusammengeschustert war. Für mich sahen sie aus wie Treibholz, das an eine Küste angespült und von den Strahlen der Sonne ausgeblichen worden war. Über den Zaun hinweg winkte uns die Gärtnerin zu. Sie war mager und trug einen spitzen Hut aus Stroh und ein zerfetztes Kleid wie aus Spinnweben. Ihre Augen waren schwarz und groß und ihre Nase spitz und lang.
„Kommt her und helft mir, die Zahlen zusammenzurechen!“ rief sie uns zu.
Schäfchen zog mich an der Hand und flüsterte: „Müssen wir wirklich helfen? Ich bin doch soooooo müde!“
„Aber klar!“ sagte ich und lachte. „Vielleicht bekommen wir dafür eine Mondrose als Belohnung. Das wäre doch fein!“
„Du denkst wieder an deine kleine Meerjungfrau, nicht wahr? Und ich darf schuften, damit sie eine Rose von dir bekommen kann…“ seufzte das Schäfchen voller Selbstmitleid.
„Ach komm, wir besuchen auch nachher den Mondmann und stärken uns mit einer Tasse Tee, ok?“
„Meinst du, wir bekommen auch Kekse?“, fragte Schäfchen hoffnungsvoll.
„Ganz sicher!“, gab ich strahlend zurück.
Frau Spinnweb, die Gärtnerin, freute sich über unsere Hilfe. Zahlen aus dem Garten zu entfernen, ist eine heikle Sache. Manche muss man zusammenfegen wie trockenes Laub, andere vorsichtig von den Blättern zupfen wie Ungeziefer.
„Was täte ich ohne meine Helfer?!“, tönte Frau Spinnweb, als ich mich nach einer besonderen Zahl bückte, die sich in den Dornen eines Mondrosenbusches verfangen hatte. Im Gegensatz zu den anderen Zahlen war sie nicht silbern, sondern glänzte golden im sanften Licht der blauen Erde.
„Die ist anders als die anderen!“, stellte ich laut fest und hielt die Zahl – eine Acht – Frau Spinnweb entgegen.
„Ein Stück Unendlichkeit, oh du Glückspilz!“
„Diese Acht bringt Glück?“, fragte ich überrascht. „Werde ich jetzt für immer Glück haben?“
Frau Spinnweb lächelte und schüttelte den Kopf: „Nein, ganz so ist das nicht. Siehst du – Glück kann man nicht für sich behalten, aber man kann es jemanden schenken.“
„Schenk es mir!“, rief Schäfchen aufgeregt.
„Ich muss es verschenken?“, fragte ich ein wenig enttäuscht.
„Ja. Aber du wirst sehen, es wird dich glücklich machen. So ist das mit dem Glück! Und hier hast du eine Rose als Dankeschön für deine Hilfe.“
Sie reichte mir eine besonders schöne, leicht aufgeblühte Mondrose, deren weiße Blütenblätter silbrig glänzten, wie Eisblumen im Sonnenschein kurz bevor sie schmelzen. Ich roch an der Rose und dachte an meine Meerjungfrau – wenn ich ihr meine Blume schenken konnte und sie mich dafür anlächelte, was wollte ich mehr? Schäfchen schnalzte mit der Zunge und hüpfte schon in Richtung Mondmann davon, während ich mich noch von Frau Spinnweb verabschiedete und die Acht in der Tasche meines Bademantels verstaute.
Als wir in der Ferne den Teepavillon des Mondmannes sahen, fiel uns gleich auf, dass er bereits Besuch hatte. Wie ungewöhnlich – sonst waren wir die einzigen Gäste!
„Hallo meine Freunde“, rief uns der Mondmann zu, „kommt doch herein auf eine Tasse Tee und lernt meine Gäste kennen.“ Dabei schwenkte er seine Teetasse zum Gruße. Seine Besucher sahen aber gar nicht danach aus, als wollten sie Höflichkeiten austauschen. Links und rechts vom Mondmann saßen ein Mann und eine Frau – um genau zu sein: eine Braut und ein Bräutigam. Die beiden hatten wohl gestritten, denn sie zeigten einander im wahrsten Sinne des Wortes die kalte Schulter. Die Braut hielt in ihren Händen einen Brautstrauß aus herrlich roten Rosen. Ein Schleier fiel ihr über den Rücken herab.
„Kommt, kommt! Nehmt doch Platz, meine Freunde!“ erwiderte der Mondmann.
„Stören wir nicht?“ fragte ich ein wenig besorgt.
„Aber nein,“ entgegnete der Mondmann sorglos wie immer. „Es handelt sich nur um einen Streit zwischen Liebenden.“
Der Bräutigam drehte sich leicht zu seiner Braut um und zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe. Die Braut sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, war aber wütend genug, um auszurufen: „Was? Liebende! Dann hätte er etwas mehr Verständnis für mich! Und würde sich mehr bemühen!“ Der Bräutigam sprang empört auf, verbiss sich aber eine Bemerkung. Stattdessen ging er den Pavillon auf und ab.
„Aber Mademoiselle, beruhigen Sie sich!“ beschwichtigte der Mondmann, „nehmen Sie doch einen Schluck von ihrem Tee.“ Er schob ihre eine seiner Alabastertassen entgegen, aus der ein herrliches Aroma in den Äther aufstieg.
„Trinken Sie einen Schluck, und Sie werden sich besser fühlen.“ Dann deutete er mit einer Geste auf zwei leere Stühle, die mir zuvor nicht aufgefallen waren und als wir uns setzten, standen auch schon zwei dampfende Tassen Mondtee vor uns. Der Mondmann erhob sich von seinem Platz, strich über seinen schwarzen Samtanzug und ging zum Bräutigam: „Sie lieben sie doch, nicht wahr?“
„Natürlich!“ schnaubte der Bräutigam, während er seinen Zylinder in der Hand hin und her drehte.
„Dann seien Sie sanft mit ihr!“
Der Bräutigam nickte stumm, setzte sich an den Tisch und trank aus seiner Tasse aus schwarzem Gestein. Man merkte, dass er sich mit jedem Schluck mehr entspannte.
„Und Sie Mademoiselle: Seien auch Sie milde!“
„Aber ich will das alles so perfekt wie möglich ist. So wie wir es geplant haben!“
Der Mondmann nickte: „Ich verstehe, ich verstehe. Aber wissen Sie – man kann den perfekten Augenblick nicht planen, man kann ihn nur erleben…“
Alle schwiegen. Schäfchen und ich waren verlegen. Das ging uns ja gar nichts an! Da fiel mir etwas ein: „Sag Mondmann, hast du eigentlich auch eine Frau?“ Der Mondmann sah mich melancholisch an, dann breitete seine Arme aus: „Meine Liebe gilt Frau Luna persönlich. Und ist sie heute auch nur mehr ein Haufen Stein, der durch das Weltall kreist – ich liebe sie noch immer!“ Wir blickten ihn verwirrt an, aber keiner von uns wagte nachzufragen. Da stand der Bräutigam auf und sagte: „Schatz, vergiss den ganzen Streit. Es tut mir leid! Lass uns sofort, hier und jetzt heiraten!“
„Wie? Hier und jetzt? Hier auf dem Mond?“ fragte die Braut überrascht. „Geht das denn?“, fragte sie den Mondmann.
„Aber natürlich Mademoiselle! Es wäre mir eine Ehre, Sie beide hier und jetzt zu trauen. Wir brauchen nur zwei Trauzeugen und die Ringe.“
„Wir könnten die Trauzeugen sein!“ blökte Schäfchen entzückt. Ich nickte, „Ja, das machen wir gerne!“
„Hervorragend!“ rief der Mondmann.
„Aber die Ringe!“ riefen Braut und Bräutigam.
„Ja, die Ringe, die sind wichtig – aus Gold sollten sie sein…“ der Mondmann blickte mich fragend an.
„Golden, ja richtig!“ fuhr es mir durch den Kopf. Ich griff in die Tasche meines Bademantels, holte die goldene Acht hervor und fragte: „Könnte man das hier vielleicht verwenden?“
Die Augen des Mondmannes funkelten: „Ah, ein Stück Unendlichkeit – wie passend! Ich danke dir.“ Er verneigte sich. Als er mir die Acht aus der Hand nahm, waren aus ihr zwei goldene Ringe geworden. Da merkte ich, dass der Pavillon sich in eine kleine weiße Kapelle verwandelt hatte. Der Tisch sah aus wie ein kleiner Altar, und die Sessel standen zu beiden Seiten.
„Ah, da kommen auch schon die Gäste!“, sagte der Mondmann. Braut und Bräutigam blickten ebenso erstaunt um sich, wie wir. Von allen Seiten strömten sie herbei: Der Mondfährmann, der Heidschibumbeidschi und Frau Spinnweb winkten: „Wartet auf uns!“.
Ein Gruppe von Mondhäschen hoppelte herbei und tuschelten: „Eine Hochzeit, wie aufregend!“
Mehrere Mondmotten kamen angeflogen – und schließlich das Vogelorchester der kleinen Insel vom Mondteich. Sogar meine Meerjungfrau kam, zusammen mit dem Mondkarpfen, in einem kleinen Bach angeschwommen und winkte mir zu. Da ertönte das Vogelorchester und spielte die Einzugsmusik. Der Bräutigam stand beim Altar und erwartete seine Braut. Ein plötzlicher Wind fuhr ihr in den Schleier und wehte ihn in die Höhe, wobei er länger und immer länger wurde und hinauf in den schwarzen Himmel wehte. Ich war so nervös, dass ich mich nur noch an das selige „Ja ich will!“ der beiden erinnern kann – und an ihren Kuss. Die Braut warf den Strauss in die Menge. Zu meinem Erstaunen fing ihn mein Schäfchen auf, das sich daraufhin triumphierend zu einem errötendem Mondhäschen umdrehte. So war das also! Die Braut umarmte mich und bedankte sich. Der Bräutigam klopfte mir auf die Schulter. Dann stiegen sie in ein breites Doppelbett, das neben der Kapelle auf sie wartete – und weg waren sie!
Nach und nach beruhigte sich alles. Die restlichen Hochzeitsgäste setzten sich an die Tische des Mondpavillons, um ihren Tee zu trinken.
In einem günstigen Augenblick reichte ich  meiner Meerjungfrau ihre Rose, wofür ich mit einem Kuss auf die Wange belohnt wurde. Ich dachte mir: „Stimmt. Wer Glück gibt, wird mit Glück belohnt!“

Und nun gute Nacht ihr Liebenden, möget ihr alle glücklich sein und heiraten! Auf dem Mond oder auch anderswo!

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Straßenmusik

Die Zeit der Rauhnächte ist für mich die Zeit der Geschichten, der Märchen, wo wir uns in unsere Höhlen zurück ziehen und uns mit unseren Erzählungen den kalten grauen Winter vom Leib halten. Diese Geschichte hat schon länger darauf gewartet, geschrieben zu werden.

Straßenmusik

Auf der Straße, dort wo der Nebel noch nicht so dicht war, stand mitten in der klirrenden Kälte ein alter Akkordeonspieler. Er trug einen grauen schäbigen Mantel und einen grauen verbeulten Hut – grau von Alter, wer weiss, was die ursprüngliche Farbe einst war. Sein graues Haar fiel ihm halb lang ins Gesicht. Seine Augen waren geschlossen. Seine Hände steckten in fingerlosen Handschuhen und die Fingerspitzen waren blau-violett. Trotzdem rasten sie in eilender Geschwindigkeit über die Tasten hinweg, wie um gegen die Kälte anzukommen. Der  Schnee um ihn fiel langsam. Ihm gegenüber saß ein kleiner Junge in einer abgetragenen Schuluniform, dem Aussehen nach mochte er vielleicht acht oder zehn Jahre alt sein. Er lauschte begeistert der Musik des Akkordeonspielers – seine Augen waren strahlend vor Freude und sein Mund war ein einziges großes Lächeln.
Als der Straßenmusiker am Ende des Stückes angelangt war und der letzte Ton verklungen war, klatschte der kleine Junge vor Freude in die Hände und rief: „Das war ja toll! Das war der Teufelscsárdás von Monti, oder?“
Der alte Mann, öffnete die Augen und blickte den Jungen an, dann zog er spöttisch die Augenbrauen hoch und sagte: „Teufelscsárdás? Hah, davon weiss ich nichts, aber es ist der Csárdás von Monti, ja!“
„Dachte ich es mir doch, den hat mein Opa immer gespielt! Aber er nannte ihn immer den „verflixten Teufelscsárdás“, daran erinnere ich mich noch genau!“
„Und nun spielt ihn dein Opa nicht mehr? Ist er schon tot?“ fragte der alte Musiker.
„Natürlich ist er tot. Er starb, als ich neun war, das ist schon lange her! Aber er war auch ein sehr guter Musiker, so wie Sie!“
Der Akkordeonspieler lächelte, dann betrachtete ihn nachdenklich: „Schon lange her, wie? Was war denn dein Lieblingsstück, vielleicht kann ich es spielen, hm?“
„Wirklich, das würden Sie tun?“ der Junge war begeistert. „Ich muss nachdenken… wie hieß das Stück… hmmm, wie war das noch gleich?“ Er schloss die Augen und dachte eine Weile nach, dann summte er eine Melodie vor sich hin. Als er fertig war, machte er die Augen auf und fragte verlegen: „Kennen Sie das Stück, können Sie das spielen?“
„Das habe ich schon lange nicht mehr gehört, ist sicher schon ein paar Jahrzehnte her…“dann fing er an, mit sachten Fingern eine langsame, melancholische Melodie zu spielen. Die Töne schwebten durch die weiße Welt von Nebel und Schnee und wieder schien es, als wäre die Zeit stehen geblieben, aber davon merkte der Junge nichts. Er und der Musiker waren eins in der Melodie. Als die Musik zu Ende war, rannen dem Jungen Tränen über die Wangen: „Danke, das war wunderschön…“ Nach einigem Schweigen fuhr er fort: „Das Stück hat mein Großvater für mich an meinem neunten Geburtstag gespielt, am nächsten Tag ist er gestorben. Ich hab es seitdem nicht mehr gehört…“
Der alte Musiker blickte den Jungen verständnisvoll an und nickte lächelnd. Der Junge wurde verlegen und wandte sich ab. Dabei fiel sein Blick vor ihm auf den Boden und er bemerkte, dass der alte Musiker barfuss im Schnee stand. „Ja, aber ist Ihnen denn nicht kalt!?“ rief er besorgt aus, „Es ist doch Winter!“
Der alter Straßenmusiker lachte und gab zurück: „Nein, mir kann die Kälte ebenso wenig anhaben wie Dir… aber danke der Nachfrage! “ und er zwinkerte ihm zu und deutete auf die kurzen Hosen des Jungen. Überrascht blickte der Junge an sich hinunter: „Aber wie?!“ Der Junge trug eine Sommeruniform mit kurzen Hosen und Kniestrümpfen. „Wie kann das sein?!“ Er blickte den Musiker fragend an. Dieser streckte seinen rechten Arm aus und deutete auf etwas, das hinter dem Jungen war. Der Junge drehte sich um.
Und auf einmal war es vorbei mit der Stille, die scheinbar angehaltene Zeit lief weiter. Es war auf einmal sehr laut und aufgeregt und hektisch. Auf der Straße stand ein Krankenwagen mit Blaulicht und ein Polizeiwagen. Einige Leute standen herum und waren sehr aufgeregt. Ein ältere Frau wandte sich an einen Passanten neben ihr: „Der arme, alte Mann, was ist passiert? Er ist doch nicht tot?“ Der Junge hörte die Antwort nicht, er sah wie einige Sanitäter einen alten Mann auf einer Bahre in den Krankenwagen hoben.  Erst blickte er entgeistert auf die Szene vor sich, dann schluckte er, seufzte.
Er drehte sich wieder zum Akkordeonspieler um. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete ihn von oben bis unten. Irgendwie sah der alte Musiker anders aus als zuvor.  War das wirklich ein zerfetzter Mantel, oder waren das nicht eher Federn? Und waren die Haare wirklich grau oder nicht doch blond oder eher weiß leuchtend wie Licht? War das wirklich ein alter herunter gekommener Straßenmusiker, oder…? Er konnte es nicht sagen.
Der Akkordeonspieler sagte: „Wollen wir uns auf den Weg machen?“ und reichte dem Jungen seine linke Hand, in der rechten hielt er noch immer das Akkordeon. Nach einer kurzen Pause nickte der Junge. Er griff nach der Hand seines Gegenübers und sie gingen los. Die Zeit um sie herum stand still, die fallenden Flocken berührten den Boden nicht. Der Junge summte die Anfangstöne seiner Melodie, dann blickte er zu seinem Begleiter auf und dachte: „Definitiv Flügel und kein Mantel…“  Schließlich sagte er laut: „Morgen wäre ich fünfundneunzig geworden…“ und fügte mit einem melancholischem Lächeln hinzu: „Danke für das schöne Geschenk.“
So gingen sie die Straße hinunter und verschwanden im Nebel.

 

Tee auf dem Mond

Der Schlaf sucht die Kinder nicht heim, wildes Toben, müde Eltern. Dann eine kleine Traumreise zum Mond. Ein Kind schläft, das andere wacht, aber es gibt ja noch Papa und so kann Mama eine kleine Geschichte schreiben und lädt nun zum Tee am Mond:

Tee auf dem Mond

Der Mondmann saß in seinem Teepavillon und blickte wehmütig über die weiße, weite Mondlandschaft hinweg. In seiner Hand hielt er eine langstielige Pfeife aus der weißer Rauch zum dunklen Himmel aufstieg. Ab und zu schwebte aus dem Rauch eine Seifenblase auf. Auf dem kleinen, runden Marmortisch vor ihm stand eine gusseiserne Kanne mit dampfendem Tee – daneben zwei irdene Tassen, schwarz und irisierend. Die Tasse des Mondmannes war fast leer, die seines Gegenübers war randvoll, unberührt. Der Mondmann wandte sich wieder seinem Gast zu und fragte: „Und ich kann Sie wirklich nicht zu einer Tasse Tee überreden? Bester Mondtee mit Milch von glücklichen Mondkälbern?“ Der Astronaut schüttelte den Kopf und deutete auf seinen Helm. „Verstehe, Sie können ihn nicht abnehmen, weil Sie dann ersticken würden, wie ich annehme?“ Der Astronaut nickte stumm. Der Mondmann seufzte: „Ihre Wissenschaft macht Träume wahr und wahre Wunder unmöglich.“ „Tee auf dem Mond“ weiterlesen

Die Maus und die Schneeeule

Das alte Jahr ist mit Raketenkrach und Walzertönen ausgetrieben worden, das neue Jahr kriecht langsam aus dem Nebel hervor.

Möge es für euch alle eine glückliches Jahr werden! Ich kenne nicht viele Märchen und Erzählungen zum Jahreswechsel, drum poste ich hier für euch eine Fabel, die ich letzte Woche geschrieben habe. Sie basiert auf einem Bild, das in mir aufstieg, als der Vollmond durch unser Schlafzimmerfenster schien, und rasend schnelle Wolken eine Art Schattentheater vor seinem Licht aufführten. Außerdem basiert sie auf einem Lied, das ich sehr liebe – das auch gut zu dieser Zeit der Wandlungen passt. Wer dieses Lied erkennt, der weiss, um welche Stadt mit vielen Türmen es sich am Ende der Geschichte handelt.

Aber nun genug – eine frohes, neues Jahr euch allen und Vorhang auf für:

Die Maus und die Schneeeule

„Da wärest du nun beinahe vom Waldkauz gefressen worden, was?“ krächzte die alte Eule der kleinen Waldmaus zu, die neben ihr auf einem Ast hoch oben in einer Fichte saß. Ihre Silhouetten zeichneten sich vor dem Licht des winterlichen Vollmondes ab. Die kleine Maus blickte zur Eule auf: „Und nun werde ich etwa nicht gefressen?“  „Was meinst du, meine kleine Maus?“ fragte die alte Eule. „Ich denke nicht,“ gab das Mäuslein zurück. Die Eule lachte ein kehliges Lachen: „So,so, das denkst du also – und warum nicht?“ „Weil du mich dann schon längst gefressen hättest.“ Die Augen der Eule funkelten: „Vielleicht überlege ich es mir ja noch, nicht wahr?“ Die Maus verstummte. Beide schauten sich schweigend an. Es war die Eule, die als erstes ihren Blick abwandte. Sie blickte auf die Schnee bedeckte Landschaft vor sich. Dann seufzte sie: „Keine Angst, kleine Maus, ich werde dich nicht fressen.“ Und weil ihrem Satz nichts weiteres folgte, fragte die Maus mit leiser Stimme: „Warum hast du mich dann vor dem Waldkauz gerettet?“ „Warum…“ wiederholte die Eule, „Warum, warum , warum….“ Nach einer weiteren Pause antwortete sie: „Warum, kleine Maus, hast du keine Angst vor mir, hm? Warum läufst du nicht davon, sag mir das!“ Die Maus blickte verlegen: „Ich weiß nicht…“ „Die Maus und die Schneeeule“ weiterlesen

Weiß wie Schnee – ein Wintermärchen

Der Winter ist für mich immer eine geheimnisvolle Zeit, die Zeit der Märchen. Winter, Schnee, Raben, das alles scheint in meinem Kopf dicht verwoben und sind Stoff für mein Gedankentheater. Diesmal möchte ich eine meiner Geschichten mit euch teilen. So eine Art Vorweihnachtsgeschenk von mir an euch. Vorlage für die Kurzgeschichte ist ein altbekanntes Märchen – allerdings ohne die eigentliche Hauptprotagonistin. Die Geschichte schrieb sich erstaunlich schnell.

Eine schöne, magische Winterszeit wünscht euch,

eure Elisa

Weiß wie Schnee – ein Wintermärchen von Elisa Wagner

In ihrer Kammer hoch oben im Turm saß die Königin an ihrem Fenster und blickte hinaus in die weite Schneelandschaft. In ihren Händen hielt sie einen Stickrahmen. Mit goldenem Faden hatte sie unter das königliche Wappen die Initialen ihres Gatten und ihre eigenen verschlungen zu einem Liebesknoten gestickt. Aber in der königlichen Kammer war es kalt. „Kalt wie mein königlicher Gatte,“ dachte sie. Ihre Hände zitterten, während sie stickte. Da stach sie sich in den Finger und Blut tropfte herab. Sie ging zum Fenster, das offen stand, der Grund für die Kälte. Sie zog ihren Wollumhang fester um sich. Ihr widerstrebte es sehr, das Fenster zu schließen. „Wie gerne wäre ich frei,“ dachte sie. In der Ferne zog ein Schwarm Vögel vorbei und sie streckte ihre Hand in ihre Richtung aus: „Nehmt mich doch mit!“ Dann ließ sie die Hand sinken und stützte sich auf das Fensterbrett. Da entdeckte sie, dass Blut von ihrem Finger auf das verschneite Fensterbrett herab getropft war. „Wie schön,“ dachte sie, „Ach, hätte ich doch ein Kind mit Lippen Rot wie Blut, Haut Weiß wie Schnee und Haaren…“ Doch weiter kamen ihre Gedanken nicht, in diesem Augenblick landete ein Rabe auf ihrem Fensterbrett, genau neben ihrer Hand. „Weiß wie Schnee – ein Wintermärchen“ weiterlesen